Herausforderungen der empirischen Forschung zu Salafismus. Bestandsaufnahme und kritische Kommentierung der Datenlage

Mit der zunehmenden politischen, medialen und gesellschaftlichen Aufmerksamkeit für Salafismus und Dschihadismus in Deutschland wächst die Nachfrage nach belastbaren Daten zur Quantität und Qualität der salafistischen Bewegungen. Dies stellt vor allem eine Herausforderung für die empirische Forschung dar. Wie können zuverlässige Daten erhoben werden? Und wie werden bereits vorhandene Daten sinnvoll verwendet?

Film "Datenlage" |  Länge 8"20' |  Realisation Philipp Offermann, Julian Junk, Svenja Gertheiss, Thea Riebe |  HSFK 2016

In Deutschland ist die Forschung zu Salafismus durch drei Herausforderungen geprägt: Erstens lehnen eine Vielzahl der als Salafisten bezeichneten Menschen und Gruppierungen die Einordnung als solche ab und stehen wissenschaftlichen Untersuchungen skeptisch gegenüber. Zweitens etablierte sich der Begriff Salafismus in Deutschland erst um das Jahr 2009. Die Forschung erfasste das Phänomen bis dahin unter anderen Namen wie Islamismus, islamischer Fundamentalismus oder islamischer Extremismus. Drittens lässt sich die Binnendifferenzierung der salafistischen Bewegung und ihrer Netzwerke aufgrund der hier wirkenden Dynamiken nur schwer festhalten und beschreiben.

Unter den Publikationen zu Salafismus in Deutschland finden sich überwiegend feldkundige Einschätzungen und explorative Aufsätze, jedoch nur vereinzelt wissenschaftlich abgesicherte und systematisch erhobene Forschungsergebnisse. Der untenstehend verlinkte Report fasst die vorhandenen Ergebnisse der Forschungslandschaft zusammen. Vielfach bemängelt wird in der Literatur eine unzureichende empirische Datenlage. Es dominieren Schätzungen der Sicherheitsbehörden, die immer wieder als Referenzgröße für die Bewertung von Relevanz und Ausmaß des Phänomens herangezogen werden. Problematisch ist daran zum einen, dass die Jahresberichte der Verfassungsschutzämter nicht die Kriterien offenlegen, nach denen Individuen oder Gruppierungen zum Personenpotenzial salafistischer Bestrebungen gezählt werden. Zum anderen werden dadurch salafistische Milieus auf sicherheitsrelevante Strömungen reduziert.

Insgesamt besteht ein Defizit an lebensweltlichen Forschungen, Milieustudien und biografischen Narrativen unter Einbeziehung der Binnenperspektive von Anhängern, Sympathisanten oder Gläubigen. Zudem gibt es Bedarf an grundlegender Forschung im Sinne einer Kartografierung salafistischer Aktivitäten und Milieus jenseits des sicherheitspolitischen Blicks. Ebenso nötig sind grenzüberschreitende europäische Untersuchungen, die historische und transnationale Bezüge sowie den gesellschaftlichen Kontext berücksichtigen. 

Handlungsempfehlungen

  1. Die Transparenz bei der Datenerhebung muss gewährleistet werden. Verfassungsschutz und andere Sicherheitsbehörden sollten offen legen, welche Kriterien und Indikatoren sie nutzen, um bestimmte Personen oder Organisation als salafistisch einzustufen. Diese Transparenz sollte von Seite der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und der Medien aktiv eingefordert werden.
  2. Medien und Politik sollten sich um eindeutige Begriffsverwendungen bemühen. Insbesondere gilt es zwischen islamistischen Terrorismus und Salafismus deutlich zu unterscheiden.
  3. Bei der Erforschung salafistischer Bewegungen ist methodische Pluralität unabdingbar. Die Wissenschaft sollte ihr gesamtes Repertoire in der Erhebung und Auswertung von Daten ausschöpfen, sich gleichzeitig aber auch bewusst sein, dass Forschungsbemühungen auf ein hohes Maß an Skepsis innerhalb salafistischer Milieus stoßen können.
  4. Der Forschungsgegenstand sollte erweitert werden. Insbesondere bedarf es an Untersuchungen zu theologischen und lebensweltlichen Dimensionen des Salafismus und seinen transnationalen Bezügen. Dabei gilt es auch zu diskutieren, ob isolierte Forschungen zu Salafismus wirklich vielversprechend sind, um die Besonderheiten salafistischer Milieus herauszuarbeiten oder ob dafür nicht eher Ansätze geeignet sind, die Salafismus in einem breiteren gesellschaftlichen Kontext untersuchen (z.B. aus Perspektive der Jugend- oder Extremismusforschung).

 

 

Studie

Klaus Hummel, Melanie Kamp, Riem Spielhaus
Herausforderungen der empirischen Forschung zu Salafismus. 
Bestandsaufnahme und kritische Kommentierung der Datenlage,  HSFK-Report Nr. 1/2016. (HSFK-Reportreihe „Salafismus in Deutschland“, hrsg. von Janusz Biene, Christopher Daase, Svenja Gertheiss, Julian Junk, Harald Müller). [download]